„Ich fühle mich nirgendwo fremd, aber ich fühle mich auch nirgendwo dazugehörig“, so beschreibt Elena Korowin ihr Gefühl. Aufgewachsen in Deutschland und mit der deutschen Staatsbürgerschaft, habe sie zu viel Osteuropäisches in sich, um sich als Deutsche zu fühlen, und zu viel Deutschland, um sich als Osteuropäerin zu fühlen. Ein Gefühl, was vermutlich viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen. „Irgendwann habe ich mich entschieden, dass ich gar nicht irgendwo dazugehören will, sondern dass das eigentlich meine Superpower ist.“
Geboren wurde Korowin 1985 in der damaligen „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, kurz UdSSR. „Ich bin in Leningrad geboren – einer Stadt, die verschwunden ist. Sankt Petersburg heute hat nichts mehr mit Leningrad zu tun, in dem ich aufgewachsen bin.“ Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr lebte sie in der Stadt an der Mündung der Newa, unter weitem Himmel und in der Phase des Übergangs, die geprägt war vom Zerfall der UdSSR 1991. In einer Stadt, die einen neuen Namen erhielt, gelegen in einem (vermeintlich) neuen Land: Russland.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Youtube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationenehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Kunst als Konstante
Dann zieht sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Die Familie landet in Oberwesel, „Mittelrhein-Romantik zwischen Mainz und Koblenz“ wie Korowin es nennt. Ganz anders sei es gewesen, so klein. „Ich war überrascht davon, an einem Ort zu sein, wo alle Menschen sich kennen.“ Bei all den Veränderungen, die ihr Leben schon früh prägen, ist die Kunst eine begleitende Konstante. Nach dem Abitur mit Schwerpunkt Kunst beginnt sie 2006 in Karlsruhe an der Hochschule für Gestaltung ihr Studium in Kunstwissenschaft, Medientheorie, Philosophie und kuratorischer Praxis.
Während sich viele ihrer Kommiliton:innen für Digitales interessieren, blickt sie nach Osten. Ihr sei aufgefallen, dass sie zwar Malewitsch bearbeitet hätten, aber die gesamte Region Osteuropa überhaupt nicht. Für ihre Magisterarbeit analysiert sie Ausstellungen, die sowohl in Deutschland als auch in Russland gezeigt wurden. Wie wird die Ausstellung des Künstlers Jörg Immendorff in Stuttgart wahrgenommen und wie, wenn sie in Sankt Petersburg in einem russischen Museum zu sehen ist? „Es hat mich sehr interessiert, wie Kunst so unterschiedlich betrachtet werden kann, ausgehend davon, wie man sozialisiert wurde“, so Korowin. Der Ansatz prägt ihre weitere Arbeit, sie bleibt beim Thema Rezeption, Kulturdiplomatie und in der Wissenschaft.

This is copyright text.
Seit 2025 hat Elena Korowin die Professur für Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kulturtransfer an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig inne.
2015 promoviert sie unter dem Titel „Der Russen-Boom. Sowjetische Ausstellungen als Mittel der Diplomatie in der BRD“. „In Europa feierte die Abstraktion ihren Siegeszug, während in der Sowjetunion der Sozialistische Realismus boomte. Repin oder Malewitsch, Ikonen oder Realismus waren daher die Fragen der Kulturpolitiker, die die ersten Ausstellungen organisierten. Es bildete sich ein Kanon an Stereotypen und Ressentiments, der bis heute in Kulturdiplomatie und Gesellschaft spürbar ist“, heißt es im dazugehörigen Klappentext.
Der Blick von beiden Seiten
Mit den wachsenden geopolitischen Spannungen nach der Annexion der Krim 2014 durch Russland wird sie immer wieder nach ihrer Position gefragt, soll das Verhalten Putins erklären. Sie verstehe, warum Russland jetzt da ist, wo es ist, mit diesem Präsidenten, mit dieser Bevölkerung, die eigentlich einerseits befürwortend sei, andererseits einfach apathisch und lethargisch ist. Korowin betont: „Ich heiße es wirklich nicht gut, aber ich verstehe es.“
Ob die öffentliche Kritik an Russland oder die Sanktionen gegen das Land nach der Annexion: Deutschlands Verhalten wiederum beschäftigt ihre Bekannten in Russland. „Ich musste auch da das Verhalten Deutschlands gegenüber Russland erklären.“ Seit 2022 war sie nicht mehr dort. Und doch bewegt sie sich stets zwischen den Welten.
“
Irgendwann habe ich mich entschieden, dass ich gar nicht irgendwo dazugehören will, sondern dass das eigentlich meine Superpower ist.
Prof. Dr. Elena Korowin, HBK Braunschweig
„Ich habe dieses Gefühl des Nomadentums. Oder eigentlich eine Idee von Diplomatie, Diplomatie und Vermittlung zwischen unterschiedlichen Vorstellungen“, bringt Korowin es auf den Punkt. Während die meisten spätestens hier den Kulturbegriff gebrauchen würden, spricht sie bewusst von „Vorstellungen“ und „Mentalitäten“. Sie versteht Kultur als einen Begriff ohne festen, allgemeingültigen Kern. Jeder Mensch verbinde damit eigene Vorstellungen und ordne unterschiedliche Elemente zu. Entsprechend lasse sich Kultur eher als ein Geflecht individueller „Boxen“ denken, die sich zwar überschneiden können, aber nie identisch sind. Einen universell anwendbaren Kulturbegriff lehnt sie deshalb ab.
Trotz dessen – oder gerade deshalb tritt sie 2025 die Professur für Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kulturtransfer an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig an. Dort hatte sie vorab schon vakante Professuren vertreten und Lehre übernommen. Möglich wird ihre eigene Stelle durch die Niedersachsen-Impuls-Professur. Die Gutachter:innen überzeugte sie mit ihrem gleichermaßen wissenschaftlichen, kultur- und gesellschaftspolitischen Anliegen.
Den Kontext ernst nehmen
Ihr Anliegen? Letztendlich das, was sie schon ihr ganzes Leben macht: sie schärft den Blick für unterschiedliche Perspektiven, bringt Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammen. Der Kontext ist von Bedeutung, sagt sie. Damit würden sie in Kunstwissenschaft und -geschichte zwar schon immer arbeiten. Aber: „Ich sehe es als meine Aufgabe, eben diesen interkulturellen, transkulturellen Kontext noch stärker zu machen. Zu sagen, es ist nicht nur die Form, die Farbe, das Material, sondern auch politische Geschichte.“ Auch hier beschäftigt sie sich weiter mit der Frage, warum eine Ausstellung in Sankt Petersburg ganz anders wahrgenommen wird als in Stuttgart.
„Ich habe immer wieder zu Menschen gesagt, die mich baten, Russland zu erklären: ihr denkt, es ist so lange her, die Sowjetunion, der Zusammenbruch. Ein ambivalenter Neuanfang. Aber es braucht mindestens drei oder vier Generationen, damit das Ganze überhaupt in irgendeiner Art und Weise verarbeitet werden kann.“ In Deutschland sei das beispielsweise mit den Menschen und ihren Erfahrungen in der DDR ähnlich.

ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Es sei ein großer Vorteil und die Freiheit an der Kunsthochschule, sich Gedanken dazu zu machen. "Wir sind in einem Schutzraum. Den schätze ich sehr. Genau hier kann so Vieles möglich sein", so Korowin.
Sie will die Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. Osteuropastudien, Osteuropakultur und -kunstgeschichte, Global Art Studies, Global South Studies, Asian Studies und andere. Zwar beobachte sie, dass es viel interkulturelle Forschung gebe. Was sie ganz selten sehe, sei, dass diese Forscher:innen sich zusammen an den Tisch setzen. Und da möchte sie hin. „Ich habe das Gefühl, wenn ich eine Person aus Kasachstan neben eine aus Serbien, eine aus Argentinien und eine aus Nigeria an einen Tisch setze, wird es viele fruchtbare Momente geben.“ Die Menschen an einer Kunsthochschule hier in Deutschland zusammenzubringen mit ihren Perspektiven, zu erfahren, was sie gemeinsam haben und was wir daraus lernen können – das ist das Ziel.
Konflikte befriedet sie damit nicht. Aber das sei auch nicht ihr Ziel, denn sie sei nicht im diplomatischen Dienst und müsse für diese Fragen Lösungen finden. „Ich kann mich mit diesen Fragen beschäftigen, ich kann sie in meinen Lehrveranstaltungen aufwerfen, aber ich werde tatsächlich nicht die Person sein, die eine Lösung vorschlagen kann. Ich kann mögliche Wege aufzeigen“, bringt sie es auf den Punkt.
Es sei ein großer Vorteil und die Freiheit an der Kunsthochschule, sich Gedanken dazu zu machen. Das versuche sie den jungen Menschen zu vermitteln und ihnen auch zu zeigen, dass es sich lohnen kann, diese Fragen zu stellen. Und sich nicht zu schnell für gut oder böse zu entscheiden. „Wir sind in einem Schutzraum. Den schätze ich sehr“, betont Korowin, „genau hier kann so Vieles möglich sein“. Ihre Professur bietet ihr viel Gestaltungsspielraum. Sie habe die Möglichkeit, mehr Transdisziplinarität reinzubringen, mehr experimentell zu arbeiten und viel mit neuen Lehrformaten auszuprobieren.

ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Viele Studierenden würden am liebsten den Seminarraum mit einem fertigen Päckchen verlassen, das sie für die Prüfung verwenden können. Aber Korowin vermittelt ihnen keine vorgefertigte Aussage. "Ich lehre eigenständig zu denken, kritisch zu denken und alles zu hinterfragen", sagt sie.
Den Erwartungen der Studierenden entspreche sie dabei oft erstmal nicht, wenn sie sage, dass sie nicht mit einer fertigen Aussage rauskämen. „Wir können eigentlich nur weiterdenken und in diesem Denken versuchen weiterzukommen. Ich mache ich es ihnen nicht einfach“, sagt Korowin. Viele würden am liebsten den Seminarraum mit einem fertigen Päckchen verlassen, das sie für die Prüfung verwenden können. Doch das sei nicht die Art, wie sie arbeite. „Ich lehre eigenständig zu denken, kritisch zu denken und alles zu hinterfragen.“ Maximal mögliche Freiheit, die wir sonst schwer erfahren können und auch das ist eine Herausforderung.
Bei all den Freiheiten, die sie nun genießt, blickt sie mit gemischten Gefühlen zurück: Viele Stationen, immer wieder Zeitverträge, ein klassischer Werdegang in der Wissenschaft. „Der Weg war sehr schwierig“, sagt Korowin ganz deutlich. „Aber ich habe mir immer wieder gesagt, ich mache weiter, weil ich genau das machen will, weil ich genau das wichtig finde.“
Autorin: Julie Milch

