Internationale Zusammenarbeit eröffnet Niedersachsens Wissenschaftler:innen wertvolle Chancen. Deshalb fördern das Niedersächsische Wissenschaftsministerium und die VolkswagenStiftung zehn niedersächsisch-schottische Forschungskooperationen. Von der Energieversorgung über Medizin bis hin zur Raumfahrt: eine Auswahl zeigt die fachliche Vielfalt der bewilligten Projekte.
So fokussieren sich Dr. Kristin Metzdorf vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung und Prof. Dr. Lars Dölken von der Medizinischen Hochschule Hannover gemeinsam mit Forschenden der University of Glasgow auf die menschlichen Mandeln. Diese spielen eine zentrale Rolle in der Immunantwort auf Infektionen. Dennoch ist wenig darüber bekannt, wie sich das immunologische Gedächtnis in den Mandeln zwischen verschiedenen Personen unterscheidet oder wie es durch wiederholte Infektionen verändert wird.
Die Experimente innerhalb des Projektes sollen helfen zu verstehen, warum manche Menschen widerstandsfähiger gegenüber Infektionen als andere sind. Dafür wird gesundes menschliches Gewebe verwendet, das normalerweise nach einer Mandeloperation entsorgt wird. Aus dem Material gewinnen die Wissenschaftler:innen sogenannte Organoide, Zellstrukturen mit den Eigenschaften der Mandeln. Diese können sie den ursprünglichen Besitzer:innen zuordnen und so Immunantworten in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Herkunft und Impfstatus untersuchen. Langfristig könnten die Erkenntnisse zur Entwicklung besserer Impfstoffe und individueller Schutzstrategien beitragen.
Batterieforschung: Alternative zu seltenen Erden?
Kann Titandioxid (TiO₂), die weiße Verbindung bekannt aus Sonnencreme und Wandfarbe, als Batteriematerial dienen? Das untersuchen Forschende an der University of Strathclyde in Glasgow und der TU Braunschweig (TU BS). Die Wissenschaftler:innen um Prof. Dr. Daniel Schröder (TU BS) nutzen dafür ihre Ansätze aus der Wasserstoffforschung, um in ihrem Projekt BRIDGE: Battery Research Innovation for Durable Green Energy: Tailored Functional Materials for Polymer Solid-State Batteries im besten Fall die Batterietechnologien voranzubringen. In Kombination mit Schwefel könnten Batterien mit nicht brennbarem Elektrolyt und flexiblen Designs entstehen – beispielsweise für Energiespeicher in Gemeinden, netzunabhängige Ladestationen oder kleine E-Flugzeuge.
Hat der Mond ein Müllproblem?
Die Wissenschaftler:innen des Aerospace Centre of Excellence der University of Strathclyde in Glasgow und um Dr. Carsten Wiedemann an der TU Braunschweig nehmen in ihrem Projekt Moonlight – Analysis of the cis-lunar dynamics of space objects den Mond ins Visier. Immer mehr Satelliten sind auf den Umlaufbahnen um den Mond bzw. zwischen ihm und der Erde unterwegs. Dies könnte zu einem Weltraummüllproblem werden, wie es auf den erdnahen Umlaufbahnen bereits besteht. Um das Gefahrenpotential eines solchen Szenarios zu bewerten und ggf. frühzeitig zu vermeiden, soll im Rahmen des Projekts u.a. untersucht werden, wie viele Objekte in Mondnähe unterwegs sind und wie hoch die Wahrscheinlichkeit für Zusammenstöße ist.
Grenzüberschreitende Physik
Grenzüberschreitend in verschiedenen Dimensionen forschen Physiker:innen um Prof. Dr. Ilja Gerhardt an der Leibniz Universität Hannover und der University of Glasgow. Während viele moderne technische Errungenschaften wie LEDs und Solarzellen auf Festkörperphysik beruhen, ist in anderen Forschungsbereichen die Atomphysik an Gasen deutlich überlegen. In ihrem Projekt Enhancing atomic spectroscopy with optical angular momentum streben die Forschenden eine Kombination aus beiden Welten an. Damit wollen sie die Quantentechnologie voranbringen: ihre Hoffnung ist es, einen Weg zu finden um kleinere, schnellere und genauere Sensoren zu bauen und kompakte Atomuhren zu entwickeln. Damit adressiert die Arbeitsgruppe sowohl die Grundlagenforschung als auch die angewandte Forschung.

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Die wachsende Anzahl Satelliten auf den Umlaufbahnen um den Mond bzw. zwischen ihm und der Erde könnten zu einem Problem werden.
Bewilligt wurden auch die folgenden Projekte:
- Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (Dr. Julia Rebecca Port)/ TU Braunschweig (Prof. Dr. Melanie Brinkmann) – University of Glasgow: Mapping Viral Replication Sites in the Respiratory Tract to Predict Disease Severity and Transmission (ViReST)
- Medizinische Hochschule Hannover (Dr. Thomas Henning) – University of Glasgow: Investigating the role of the HSV-1 deubiquitinase and its binding partner DTX3L in shaping the infected-cell ubiquitome
- Medizinische Hochschule Hannover (Prof. Dr. Peter Claus) – University of Edinburgh: The neurodevelopmental disease Spinal Muscular Atrophy: Functional and molecular alterations in brain (SMANEURODEV)
- OFFIS (Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff) – University of Strathclyde: Empowering Resilient Net-Zero Grid: A Multi-Agent Approach for Wide-Area System Integrity Protection (RANGeR)
- TU Braunschweig (Dr. Jan Göing) – University of Strathclyde: A Framework to Predict Sensitivities of Transient Response for Robust Integrated Design of Electrical Propulsion Power Trains (STRIDE)
- Universität Göttingen (Dr. Matthias Berlandi) – University of Glasgow: Medieval Historicist – Hanoverian Modernist: The Making of National Memory in Sir Walter Scott’s Works and Unpublished Letters
Lower Saxony – Scotland Innovation and Research Scheme
Die Projekte erhalten jeweils bis zu 100.000 Euro Förderung für die kommenden zwei Jahre. Innerhalb der Projekte arbeiten die Projektpartner:innen aus Niedersachsen und Schottland an weiteren Drittmittelanträgen, beispielsweise auf Bundes- und europäischer Ebene, um die Kooperation langfristig zu festigen. Insgesamt hatten sich Forschende mit 28 Projekten beworben. Der Stichtag für die nächste Ausschreibungsrunde des „Lower Saxony – Scotland Innovation and Research Scheme: Excellence Track“ ist der 30. April 2026.
Die Ausschreibung ist Teil der wissenschaftlichen Kooperation zwischen Niedersachsen und Schottland, welche vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), der VolkswagenStiftung sowie der Royal Society of Edinburgh (RSE) vorangetrieben wird. Sie ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie Deutschland und das Vereinigte Königreich nach dem Brexit auch wissenschaftlich verbunden bleiben. Das wurde besonders durch den Kensington Vertrag deutlich, den der deutsche Bundeskanzler und der britische Premierminister am 17. Juli 2025 in London unterzeichnet haben. Im Rahmen dieses Freundschaftsvertrags wurde das Förderprogramm von MWK, VolkswagenStiftung und RSE als regionales Leuchtturmprojekt hervorgehoben.

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Prof. Anne Anderson (Vize-Präsidentin der RSE) und Staatssekretär Prof. Joachim Schachtner (MWK) unterzeichneten im Februar 2025 in Edinburgh die gemeinsame Absichtserklärung zur engeren Zusammenarbeit.
Lüneburg als organisatorischer Knotenpunkt
Organisatorisch übernimmt in Niedersachsen das European Centre for Advanced Studies (ECAS) an der Leuphana Universität Lüneburg eine zentrale Position: es wurde Ende 2025 zum zentralen Knotenpunkt für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Schottland weiterentwickelt. Ziel ist es, den transregionalen Wissenschaftsraum langfristig zu stärken und nachhaltige Kooperationen zwischen Hochschuleinrichtungen beider Regionen zu fördern. Mehr dazu in der Pressemitteilung der Leuphana Universität.
Mit dem „Lower Saxony – Scotland Joint Forum“ organisiert das ECAS u.a. das Herzstück der bilateralen Zusammenarbeit. Seit 2020 bietet die zweitägige Netzwerkveranstaltung Hochschulangehörigen beider Regionen eine Plattform für Austausch, Projektentwicklung und neue Partnerschaften.

