Als Max Kellner Anfang März 2020 in das letzte Flugzeug steigt, das noch von England nach Wien abhebt, ist dem österreichischen Doktoranden nicht klar, dass dieser Moment seinen wissenschaftlichen Weg dauerhaft verändern wird. In Cambridge ist gerade alles heruntergefahren worden: Studentenwohnheim, Institute, das öffentliche Leben. „Es war eine sehr seltsame Stimmung“, erinnert sich Kellner an den Beginn der Covid-19-Pandemie. „Alle mussten raus – und niemand wusste, wann man zurückkommt.“
Zurück in Wien erreicht ihn wenige Tage später eine Anfrage, die vieles bündelt, was ihn als Forscher auszeichnet: Neugier, methodische Offenheit – und der Wunsch, mit Wissenschaft einen Unterschied zu machen. Kolleg:innen aus einer Pandemie-Taskforce fragen ihn, ob er helfen könne, eine schnelle, robuste Alternative zur PCR-Diagnostik zu entwickeln. Denn bis ein PCR-Test ausgewertet war, dauerte es zu Beginn der Pandemie meist gut eine Woche – denn die Labore waren überlastet. Kellner zögert nicht. Seine Masterarbeit hatte ihn an die CRISPR-basierte Virusdiagnostik herangeführt, an Methoden, die auch ohne aufwendige Labore funktionieren. „Damals war klar: Wenn gesellschaftliches Leben überhaupt wieder möglich sein sollte, dann nur mit schnellen Tests“, sagt er.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Youtube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenVirus vs. Wirt: Warum erkranken Mensch und Tier unterschiedlich?
ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Was als Krisenreaktion beginnt, wird zum Wendepunkt. Kellner arbeitet fortan in einem nahezu leeren Institut in einem Wien ohne Tourist:innen, entwickelt gemeinsam mit Kolleg:innen einen sogenannten RT-LAMP-Schnelltest. Das molekulare Verfahren entstand erstmals in den 2000er Jahren und weist Virus-RNA ohne aufwendige Labortechnik nach. Richtig populär wurde die Methode jedoch mit Covid-19. Der in Wien entwickelte Test wird später nicht nur in Österreich eingesetzt, sondern auch gemeinsam mit Forscher:innen in Ghana weiterentwickelt und an unterschiedliche Erreger sowie den Einsatz unter Feldbedingungen angepasst. „Open-Source-Diagnostik war uns dabei wichtig“, sagt Kellner. „Man sollte nachvollziehen können, wie ein Test funktioniert – und ihn eigenständig einsetzen können.“
Heute, fünf Jahre später, leitet Max Kellner eine eigene Nachwuchsgruppe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Sein Thema sind die molekularen Wechselwirkungen zwischen Viren und ihren Wirten. Insbesondere beschäftigt ihn die Frage, warum manche Säugetiere hochpathogene Viren – also solche, die beim Menschen schwerwiegende Erkrankungen verursachen – erstaunlich gut tolerieren, ohne selbst krank zu werden. Es ist eine Forschung an der Grenze des Nichtwissens, wie er sagt. Und eine, die mit seiner eigenen Biografie verwoben ist.

ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Jahanzaib Ahmad ist einer von drei Doktorand:innen, die in der Nachwuchsgruppe forschen.
Neugier als Lebensprinzip
Als geborener Wiener wird Kellner der Erste in seiner Familie, der einen Bachelorabschluss erlangt. Was ihn früh prägt, ist weniger ein konkretes Berufsziel als eine große Freiheit: „Meine Eltern haben mich immer unterstützt, ohne mir eine Richtung vorzugeben“, sagt er. „Ich konnte selbst herausfinden, womit ich einen Großteil meines Lebens glücklich sein kann.“
Schon als Kind ist er neugierig, sammelt Vogel- und Dinosaurierwissen, besucht mit seinem Großvater regelmäßig das Naturhistorische Museum und fährt mit den Großeltern zum Camping. Später kommt ein Chemiebaukasten dazu. „Experimentieren und Dinge schaffen war früher da als der konkrete Wunsch, Wissenschaftler zu werden“, sagt er.
Parallel zur Schule spielt Kellner ab der Grundschule American Football und Flag Football. Er wird später mehrfacher österreichischer Meister, spielt im Nationalteam und gewinnt mit seinem Team die europäische Clubmeisterschaft. Bis Mitte zwanzig bleibt er dem Sport treu. Vier Trainingseinheiten pro Woche und Spiele am Wochenende lassen sich irgendwann nicht mehr mit dem Anspruch vereinbaren, in der Forschung alles zu geben. „Körperlich wäre das Niveau heute auch nicht mehr machbar“, sagt er nüchtern. Der Ehrgeiz aber ist geblieben.

ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
Die Forschungsgruppe arbeitet mit Organoiden, im Labor gezüchteten Mini-Gewebe. Sie ahmen Aufbau und Funktion echter Organe nach und ermöglichen es, biologische Prozesse realitätsnah zu untersuchen.
Vom Pflanzenlabor zur Virusforschung
Nach der Reifeprüfung und dem abgeleisteten Zivildienst in einem Kindergarten entscheidet sich Kellner gegen ein Medizinstudium – aus Respekt vor der Verantwortung. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass der Lebensweg von Patient:innen direkt von meinen Entscheidungen abhängt“, sagt er. Stattdessen studiert er Biologie, spezialisiert sich auf Molekularbiologie und sammelt früh Laborerfahrung als studentischer Mitarbeiter bei Michael Nodine am Gregor-Mendel-Institut in Wien.
Dort erlebt er zum ersten Mal den Alltag von Forschenden – und erkennt, dass sie ihm näher sind, als er gedacht hatte. „Ich habe gemerkt: Die sind gar nicht so anders als meine Eltern ohne akademische Laufbahn – nur mit der gleichen Leidenschaft fürs Experimentieren“, sagt er.
Für seine Masterarbeit geht Kellner ans Broad Institute von MIT und Harvard – ins Labor von Feng Zhang, einem der Pioniere der CRISPR-Technologie. „Das war mein erster Einblick in US-amerikanische Forschung“, sagt er. „Sehr kompetitiv, sehr erfolgreich – und zugleich unglaublich offen.“ Dass er als junger Forscher dort gemeinsam mit einem Nobelpreis-Kandidaten an Publikationen mitschreibt, bestärkt ihn darin, den Weg Richtung Promotion weiterzugehen. Nodine, Zhang und seine späteren Mentorinnen und Mentoren prägen ihn ebenso wie die Erfahrung, dass Hierarchien im Labor weniger zählen als Neugier und Ideen.
Seine Promotion beginnt er an der University of Cambridge, im Labor von Madeline Lancaster. Dort arbeitet er erstmals mit Stammzellen und 3D-Organoiden, um evolutionsbiologische Fragen zur menschlichen Gehirnentwicklung zu untersuchen. Organoide sind im Labor gezüchtete Mini-Gewebe, die Aufbau und Funktion echter Organe nachahmen und es ermöglichen, biologische Prozesse realitätsnah zu untersuchen. „Mich hat fasziniert, warum das menschliche Gehirn so viel größer ist als das von Schimpansen“, sagt er. Die Technik der Organoidforschung wird für ihn zum Werkzeug, das weit über diese Fragestellung hinausweist.
Die Pandemie als Erkenntnismoment
Dann kommt die Pandemie – und mit ihr eine neue Perspektive. Die Arbeit an Schnelltests bringt Kellner tief in die Virologie. Er lernt, dass Viruslast und Krankheitsschwere oft nicht zusammenfallen. „Manche Menschen hatten extrem hohe Virusmengen – und keinerlei Symptome“, sagt er. „Das hat mich nachhaltig beschäftigt.“
Statt sich auf die Frage zu konzentrieren, was bei Erkrankten schiefläuft, interessiert ihn zunehmend das Gegenteil: Was ist bei denen anders, die nicht krank werden? Diese Überlegung führt ihn zu natürlichen Reservoir-Wirten – Tierarten, die sich an bestimmte Viren evolutionär angepasst haben und durch deren Infektion meist nicht erkranken. Besonders Fledertiere rücken in den Fokus. Bei ihnen verlaufen Infektionen mit Viren, die für den Menschen lebensbedrohlich sind, oft vollständig asymptomatisch.
„Ein Virus ist nicht per se pathogen“, sagt Kellner. „Pathogen wird es erst im Zusammenspiel mit einem bestimmten Wirt.“ Ebola, SARS oder MERS seien für den Menschen gefährlich – für andere Tierarten aber nicht. Diese Einsicht wird zum Kern seiner heutigen Forschung.
Fledermaus-Organoide und neue Perspektiven
Für seine Dissertation wechselt Kellner dauerhaft nach Wien, ins Labor von Josef Penninger am Institut für Molekulare Biotechnologie. Dort etabliert er neuartige Organoid-Zellkultursysteme für Fledertiere – ein methodisch anspruchsvoller Ansatz, für den es kaum Vorbilder gibt. „Für die Fledermausforschung gibt es fast keine etablierten Werkzeuge“, sagt er. „Ich könnte Infektionen genauso gut im Mausmodell studieren“, sagt Kellner, „aber eine Maus ist keine Fledermaus.“ Im Organoid untersucht er die Fledermaus selbst und kommt der Realität dadurch näher.
In Zusammenarbeit mit Hochsicherheitslaboren in Deutschland und Schweden untersucht er so die Immunantwort von Fledertieren auf hochpathogene Viren wie das Marburgvirus oder SARS-CoV-2. Die zentrale Hypothese: Fledertiere verfügen über genetisch verankerte Mechanismen, die eine starke angeborene Immunantwort ermöglichen, zugleich aber Entzündungsreaktionen dämpfen und so schwere Krankheitsverläufe verhindern. Diese Resilienz zu verstehen, könnte langfristig neue Wege für Prävention und Therapie eröffnen.

This is copyright text.
"Ich möchte Menschen auf einem guten Lebensweg begleitet haben, egal, ob sie später selbst forschen oder etwas ganz anderes machen", sagt Kellner.
Verantwortung, Zweifel und Gestaltungsspielräume
Heute sitzt Kellner in einem 12-Quadratmeter-Büro auf dem weitläufigen Campus des HZI in Braunschweig. Zwei Bildschirme, ein Whiteboard für Einzelgespräche, der Weg ins Labor ist kurz. „Das Institut ist ein bisschen wie eine Riesen-WG“, sagt er. „Man schläft hier nicht, aber man arbeitet, isst, diskutiert zusammen.“
Seit April 2025 leitet er die Nachwuchsgruppe VICO (Virus-Wirt-Coevolution), die für mindestens fünf Jahre im Projekt HUMAN finanziert ist. Drei Doktorand:innen arbeiten darin derzeit mit ihm. „Das ist eine enorme Verantwortung“, sagt er. „Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch für die Lebenswege der Menschen, die hier arbeiten.“ Arbeitstage mit zwölf Stunden sind für ihn normal. „Die Forschung ist für mich Arbeit und Hobby zugleich“, erklärt der Biologe. Dafür nehme er nie Arbeit mit nach Hause.
Die langfristige Förderung durch zukunft.niedersachsen spielt für Kellners Forschung eine zentrale Rolle. „Unsere Forschung bewegt sich bewusst an der Grenze des etablierten Wissens“, sagt er. „Ohne ausreichende Förderhöhe und Freiheit wären viele dieser Ideen nicht umsetzbar.“ Niedersachsen erlebt er als idealen Standort: hohe Forschungsdichte, kurze Wege zwischen Universitäten, medizinischen und veterinärmedizinischen Einrichtungen, ein starkes Helmholtz-Netzwerk. „Man kann hier innerhalb einer Stunde praktisch jede Expertise im direkten Austausch erreichen“, sagt er.

ehrenwerk.tv für VolkswagenStiftung
In Zusammenarbeit mit Hochsicherheitslaboren in Deutschland und Schweden untersucht die Forschungsgruppe die Immunantwort von Fledertieren auf hochpathogene Viren wie das Marburgvirus oder SARS-CoV-2.
Gleichzeitig sieht er die strukturellen Probleme des Wissenschaftssystems klar. „Es gibt viel mehr talentierte, motivierte Menschen, als es langfristige Job-Perspektiven gibt“, sagt er. Dass oft Zufall und einzelne Publikationen über Karrieren entscheiden, hält er für problematisch. Umso wichtiger ist ihm eine offene Kultur in seiner Gruppe: Kommunikation, Transparenz, das Teilen von Negativergebnissen. „Wir arbeiten an der Grenze des Nichtwissens“, sagt er. „Scheitern gehört dazu.“
Blick nach vorn
Wenn Kellner zehn Jahre in die Zukunft blickt, misst er Erfolg nicht nur an Erkenntnissen. „Ich möchte Menschen auf einem guten Lebensweg begleitet haben“, sagt er, „egal, ob sie später selbst forschen oder etwas ganz anderes machen.“ Wissenschaft versteht er dabei nicht nur als Beruf, sondern als Haltung – getragen von Neugier, Verantwortung und der Bereitschaft, sich immer wieder neu auf Unbekanntes einzulassen. Oder wie Max Kellner es formuliert: „Für neugierige Menschen ist Wissenschaft der erfüllendste Beruf, den man sich vorstellen kann.“

